HPV World Championships 2026 in Sittard-Geleen

HPV steht für „Human Powered Vehicles“, also muskelbetriebene Fahrzeuge – und das sind normale Rennräder natürlich auch. Hinter den internationalen HPV-Vereinen stand allerdings die Unzufriedenheit mit der UCI. Diese hatte spezielle Entwicklungen wie Liegeräder oder aerodynamische Verkleidungen aus dem Reglement ausgeschlossen. 1976 gründete sich deshalb in Kalifornien die IHPVA (International Human Powered Vehicles Association), die Fahrzeugentwicklung nach dem Motto „alles ist erlaubt, solange es muskelbetrieben ist“ unterstützt.

Der Grund für den Aufwand ist schnell erklärt: Ab etwa 45 km/h entfallen 80 bis 90 Prozent der Fahrwiderstände auf die Luft. Wer die in den Griff bekommt, fährt mit derselben Leistung deutlich schneller – genau darum dreht sich die ganze Szene.

Mittlerweile tragen die Länderverbände (in Deutschland ist das der HPV Deutschland e.V.) reihum eine jährliche Weltmeisterschaft aus, zum Beispiel 2023 in Österreich/Schweiz, 2024 in Großbritannien, 2025 in Italien und dieses Jahr, vom 10. bis 12.Juli, in den Niederlanden/Belgien.

Eine Gemeinschaft von 100 bis 150 internationalen Teilnehmern trifft sich dazu ein Wochenende lang. Die einzelnen Rennen finden meist von Freitagabend bis Sonntagfrüh statt und werden in verschiedene Disziplinen und Fahrzeugklassen unterteilt: Es gibt Sprint-Rennen, die „Schnellste Runde“, wo es um den Top-Speed geht, Ausdauer-Rennen über 2 bis 6 Stunden und zuweilen auch eine Bergwertung.

An Fahrzeugklassen wird üblicherweise unterschieden zwischen UF (unfaired, unverkleidet), also normalen Liegerädern und Trikes ohne Aero-Komponenten, PF (partially faired, teilverkleidet), Liegerädern und Trikes mit Heckkoffern oder Heckverschalungen, und FF (fully faired, vollverkleidet). Zu Letzteren zählen die wenigen und sehr speziellen, eiförmig verkleideten zweirädrigen Liegeräder, die teilweise einen Helfer oder ein Landefahrwerk zum Starten und Stoppen brauchen, sowie die häufigeren dreirädrigen Velomobile.

Wegen der großen Geschwindigkeitsspanne von gut 40 bis über 70 km/h zwischen UF und FF wird die FF-Kategorie oft in separaten Läufen oder auf separaten Kursen gestartet.

Wie man sich vorstellen kann, ist es auch ein Technikschaulaufen, ein Messen von Ideen, Material und Optimierungen: zum Teil kommerzieller Leichtbau aus Carbon und hochwertigen Komponenten, teilweise auch Eigenbauten und Innovationen. Die Fahrer kennen sich, respektieren sich, und trotz des Wettbewerbs geht es sehr familiär und fair zu – im Rennen wie neben der Strecke. Geholfen wird mit Teilen und Werkzeug, den schnelleren Favoriten macht man gerne Platz, und immer wieder zeigt sich: Ein schnelles Fahrzeug braucht auch einen gut trainierten Athleten, um wirklich vorne mitfahren zu können.

Der Austragungsort 2026 war der Tom Dumoulin Bike Park in Sittard-Geleen, ein abgesperrtes Gelände mit verschiedenen Strecken und Kursen. Ein inneres Oval für hohe Geschwindigkeiten, ein äußeres Rechteck mit anspruchsvolleren Kurven und ein Hügel in der Mitte für die „Hill Climbing Challenge“ – für die einzelnen Läufe wurde daraus immer wieder neu kombiniert.

Das Wetter war wolkenlos und mit bis zu 35 Grad gnadenlos heiß. Zum Glück gab es draußen große Zelte mit Schatten, einen klimatisierten Cafeteria-Bereich zum Abkühlen und Duschen. Außerdem wurden die Rennen am Samstag und Sonntag wegen der Hitze verkürzt: die Bergwertung von 45 auf 35 Minuten und das 3-Stunden-Rennen am Sonntag auf 2 Stunden. Einwände hatte niemand.

Entsprechend der Kategorien und Teilnehmerzahlen gab es ein Dutzend Preise, gestaffelt nach Fahrzeugart und Geschlecht sowie für die Gesamtwertungen. Altersklassen wurden nur in den Wertungslisten geführt – ohne Pokal oder Treppchen.

Ich selbst bin mit meinem gelben Velomobil angetreten, das einige vielleicht schon von Trainings- oder Messfahrten auf der Solinger Rennbahn kennen, und habe Platz 20 der Gesamtwertung gemacht: 59 km/h bei der „Schnellsten Runde“ (327 Watt, Puls 165), 42 km/h beim 1-Stunden-Rennen (217 Watt, Puls 153 – wegen der engen Kurven und eines technischen Stopps), 38 km/h beim Hill Climb (230 Watt, Puls 156) und 48 km/h beim 2-Stunden-Rennen (215 Watt, Puls 150) – was in der Liste immerhin Platz 3 meiner Altersklasse (50–59) bedeutet.

Gerade die schnellen, engen Kurven sind für Mehrspurer – Velomobile und Trikes – materialintensiv. Anders als beim Rennrad wird sich nicht in die Kurve gelegt. Das Fahrzeug bleibt aufrecht und die gesamte Seitenführungskraft geht über den Reifen. Das kostet Gummi und damit Energie. Saubere Fahrlinie, gute Materialwahl und passendes Setup sind entsprechend wichtig. Ich bin – passend zum Hauptrichtung des Kurses – das kurvenäußere Rad teilweise mit größerem Reifen und höherem Feder-Setup gefahren, weil sich damit auf der flachen Strecke ohne Steilkurven die Kippgrenze etwas verschieben lässt.

Insgesamt eine spannende und schöne Veranstaltung in unmittelbarer Nähe. Nächstes Jahr findet die WM wieder in Orgelet in Frankreich statt. Dazu sind 700 km Anreise nötig, aber man bekommt mit dem Jura natürliche Höhenmeter, eine super Landschaft – und die halbe Bevölkerung der recht ländlichen Region legt sich wieder ins Zeug, um ein perfektes Rahmenprogramm zu bieten.
(cw)