Mit dem Velomobil zur Mitternachtssonne – 1200 km beim Midnightsun-Randonnée

Christian Windkgen berichtet von seiner Teilnahme an der Midnightsun-Randonnée.

Das Midnightsun-Randonnée (MSR) ist eines der jüngeren Superbrevets. Mit 1200 km und gut 90 Stunden Zeitlimit ähnelt sein Format dem legendären Paris-Brest-Paris (PBP), das seit 1891 ausgetragen wird und bis 1951 sogar noch ein Rennen war. Seit 1931 wird PBP im Brevet-Modus durchgeführt. Es geht also nicht um Geschwindigkeit, sondern um Ausdauer, Kameradschaft und lange Strecken mit wohldosiertem Schlaf. In dem Zusammenhang wird oft der Ausdruck Randonneur benutzt. Mit einem Brutto-Schnitt von etwa 14 km/h, inklusive Pausen an den Kontrollen und Schlaf, ist das Ziel erreichbar.

Anders als PBP, das längst eine Großveranstaltung mit tausenden Teilnehmern ist und dessen Kontrollen kleinen Stadtfesten gleichen, besitzt MSR die Beschaulichkeit, die zur Weite Skandinaviens passt: gut 100 Starter und rund 100 Finisher.

Das Format verspricht ein einzigartiges Erlebnis. Der Start liegt wenige Tage vor der Mitternachtssonne und erfolgt um Mitternacht. Durchgehende Helligkeit macht auch das Fahren in der Nacht möglich, dazu Schwedens Landschaft mit Seen, Hügeln, Rentieren und – mit Glück – Elchen. Die Strecke führt hinauf nach Norwegen bis nach Mo i Rana am inneren Ende des Ranfjords und über den Polarkreis, bevor es weiter östlich mit deutlich weniger Höhenmetern und leichtem Gefälle zurückgeht.

Liegt PBP nahe Paris noch im Zentrum Europas, ist Umeå in Schweden schon ein besonderes Ziel: fürs Auto recht weit, das Fliegen ökologisch fragwürdig – und für ein reines Rennrad kaum eine Option. Ich war dieses Jahr einer von elf Velomobilisten. Ein Velomobil ist ein vollverkleidetes Liegerad, aerodynamisch, wetterfest und für solche Distanzen wie gemacht. Ein Großteil unserer Truppe hat An- und Abreise auf eigener Achse bzw. per Fähre zurückgelegt und dafür zwei bis vier Wochen eingeplant. Da wurde das Event selbst fast zur Nebensache.

Meine Anreise begann in Travemünde. Nach Mitternacht ging es mit der Fähre in 30 Stunden nach Helsinki, wo wir am Folgetag um zehn Uhr morgens ankamen. Nach einem kurzen Drive-in-Sightseeing durch die Innenstadt folgten zwei Tage und gut 400 km quer durch Finnland hinauf nach Vaasa – und mit der Fähre über den Bottnischen Meerbusen nach Umeå zum Start.

Veranstalter Florian hatte nebenbei ein tolles Rahmenprogramm auf die Beine gestellt: eine Kaffee-Ausfahrt bei schönstem Wetter zu einem netten Haus am See, am Abfahrtstag Mittagessen und Pasta-Party am Startort – inklusive Schlafmöglichkeit und Bike-Repair – und einen Tag nach dem Finish die Fahrt zu einer typischen Midsommar-Feier in einem Dorf nahe der Küste.

Gestartet wurde am 14.Juni 2026 in kleinen Gruppen im Zehn-Minuten-Takt. Um Mitternacht war der Verkehr gering, und so machte sich unsere Velomobil-Gruppe als letzte auf den Weg in den längsten Tag von allen. Zunächst folgten wir flach einem Flusslauf zur ersten und zweiten Kontrolle. Dann setzte Nieselregen ein, es wurde kühler, die Steigungen kamen – und mit ihnen die Müdigkeit. Drei, vier Power-Naps waren nötig, um nicht am Steuer wegzunicken.

Mein Schlachtplan sah ein Durchfahren bis zur ersten Kontrolle in Norwegen vor: 480 km mit etwa 5000 hm, am ersten Tag machbar. Danach ein gebuchtes Zimmer – es gab auch einen kostenlosen Schlafsaal, aber mir waren eigene Dusche, Bett und Ruhe die paar Euro wert – und am nächsten Morgen frisch weiter in den gebirgigen Teil zum Polarkreis und über die Pässe zurück zur schwedischen Grenze.

Die letzten Stunden des ersten Tages waren die härtesten. Zur Müdigkeit kam die Erschöpfung, und ab der norwegischen Grenze diese unglaublich schlechte, achterbahnartige Straße entlang eines großen Sees: quer über die Fahrbahn zogen sich kaum erkennbare Frostaufbrüche, ähnlich Tempo-30-Hügeln, die mir auf den Gefällestücken die eine oder andere Flugphase bescherten. Eine echte Material- und Nervenschlacht.

Der zweite Tag war die Entschädigung: die unglaubliche Landschaft Norwegens, nur knapp 290 km und etwa 3700 hm. Darunter zwar zwei stärker befahrene Europastraßen, aber auch die Kontrolle am Arctic Circle Center und eine harte, wunderschöne Tunnelumfahrung mit sensationellen Panoramen. Der höchste Punkt der Route lag an der Passhöhe nahe der Grenze zurück nach Schweden – danach lange, rauschende Abfahrten bis zum Camp an einem See, wo ich für die zweite Nacht eine Hütte gebucht hatte. Etwas Luxus muss sein.

Der dritte Tag mit 460 km, aber nur 3100 hm, war eher ein Roller-Tag: endlose Wälder, Seen, Wildflüsse, Schweden pur – bis zur Erschöpfung, bei mittlerweile bestem Wetter. Ich war viel zu früh dran, hätte fast 20 Stunden Reserve und einen weiteren bequemen Schlafstopp gehabt. Doch irgendwann ist man von Schweden satt, und so zog ich bis kurz vor Mitternacht durch und erreichte das Ziel nach etwa 72 Stunden – genau drei Tage nach dem Aufbruch.

Ein kühles Bier, eine heiße Dusche, Sauna – und danach ein ganzer Ruhetag, bis auch die Letzten unserer Truppe eingetrudelt waren (ein paar „Did Not Finish“ gab es auch).

Zurück ging es für mich mit dem Auto, das Velomobil im Anhänger. Ein paar Verwegene fuhren noch zwei Wochen über Malmö und Deutschland bis nach Hause.

Die Veranstaltung war anspruchsvoll, aber schön organisiert, abwechslungsreich in Profil und Landschaft, international besucht und dabei irgendwie familiär. Mit Briten, Finnen, Amerikanern und Schweden zu frühstücken und sich auszutauschen, hat etwas – einige trifft man an den Kontrollen oder auf der Strecke immer wieder. Die Kontrollen waren oft Hotels, Campingplätze mit Hütten oder von Anwohnern und Freiwilligen betreut, die mit Radsport eigentlich gar nichts am Hut haben, aber überaus freundlich, hilfsbereit und aufgeschlossen waren.

Mit dem Wetter hatten wir sogar viel Glück. Der erste Tag war kühl und feucht, doch auf einigen Abschnitten gab es bereits Frost und Schneefall – meckern kann man da wirklich nicht.
(cw)